Samstag, 6. März 2010Wechsel
Übernächste Woche werde ich das CMS umstellen. Daher kann es vielleicht zu einer Änderung der Adresse vom RSS Feed kommen. Wer da Probleme hat, einfach mal kurz vorbeischauen und aktualisieren.
Freitag, 12. Februar 2010Denkschaufenster
Der Sonntagssoziologe hat ein neues Projekt gestartet. Im Denkschaufenster führt er Interviews mit "Gästen aus Wissenschaft, Kunst und Kultur". Die erste Folge startet mit dem Techniksoziologen Diego Compagna über das Verhältnis von Menschen zu Technik.
Mittwoch, 27. Januar 2010Erste verwirrende Befunde Ein verwunderlicher Befund kam heute zutage. Eine bivariate Analyse der Wirkung der unabhängigen Variable "Berufswunsch verwirklicht" auf die abhängige Variable "(Fach)abitur nachgeholt" zeigte zunächst in der 61er Kohorte einen signifikanten Einfluss, bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von 7,4%. Die gleiche Auswertung für die Daten der 64/71er Kohorte ergab ebenfalls einen signifikanten Effekt auf 5% Niveau der Irrtumswahrscheinlichkeit. Beide Kohorten zusammen aber kamen zu einem ganz anderen Ergebnis. Das Signifikanzniveau stieg plötzlich auf 80%. Also kann hier die Forschungshypothese, dass ein Zusammenhang zwischen den Variablen besteht, auf keinen Fall angenommen werden. Das machte natürlich stutzig, denn ein in beiden Kohorten siginifikanter Effekt, kann nicht einfach so verschwinden.Also war ein genauerer Blick auf die Kreuztabellen notwendig. Da der Cramers V nicht negativ werden kann, sonndern sich nur zwischen 0 und 1 bewegt, musste ein anderer ins Blickfeld genommen werden der Wert Phi, zeigte schließlich in der 64/71er Kohorte einen negativen Wert an. Das heißt bei der 64/71er Kohorte, diejenigen, die ihren Wunschberuf ausübten, weniger dazu neigten, ein (Fach)Abitur nachzuholen, während die 61er Kohorte in der Mehrheit trotz eines erfüllten Berufswunsch eben diesen Abschluss nachholten. Beim Blick in die Kreuztabellen war aber auch schon zu sehen, dass die Effekte sich zwischen den Kohorten genau diametral entgegenstehen. Zusammengenommen heben sie sich auf. Eine Gleichverteilung zwischen denen, die ihren Berufswunsch verwirklicht haben und denen, die dies nicht konnten, ist die Folge. Also kein Effekt mehr. Zuerst dachten wir an einen Codierungsfehler. Der konnte aber ausgeschlossen werden. Die Frage ist jetzt, wie kann man sich die Umkehrung dieses Effektes Erklären? Theoretisch wäre jetzt nur eines von beiden plausibel. Wer seinen Wunschberuf schon erreicht hat, der dürfte ein geringeres Risiko haben, noch einen Schulabschluss nach zu holen. Umgekehrt erscheint mir dies nicht sehr plausibel. Zumindest, wenn man nach der von mir aufgestellten Theorie ausgeht. Die Frage ist jetzt, welche anderen Faktoren, könnten so eine Wandlung innerhalb von 10 Jahren ausgelöst haben. Was hat sich zwischen Anfang der 80er und Anfang der 90er Jahre geändert?Andererseits haben sich auch die Verhältnisse in der Vergleichsgruppe geändert. Während von den 1961 und früher geborenen 44,8% ihren Berufswunsch verwirklichen konnten und 56,2% nicht, sind es in der 64/71er Kohorte 55,4%, die diesen verwirklichen konnten und 44,6% nicht. Das bedeutet, den Daten nach, holen jeweils aus der kleineren Teilgruppe mehr Menschen das (Fach)Abitur nach. Wie man in der Tabelle sieht, ergibt die Zusammenfassung der beiden Kohorten praktisch eine Gleichverteilung. Der Unterschied beträgt einen FallIch werde mich auf die Ursachensuche begeben. Wer noch einen Tipp für mich hat, kann ihn gerne in den Kommentaren loswerden. Update Erste Überprüfungen der ungefilterten Originaldateien zeigen, dass der Effekt auf einer anderen Eigenschaft beruhen muss. Ich überprüfe also nochmal die Filterung der Gruppe und teste die ungefilterten gegen die gefilterten um zu sehen welche Ergebnisse ich bekomme. Update2 Meine Nachforschungen haben ergeben, dass es sich höchstwahrscheinlich um ein Problem mit den fehlenden Werten handelt. Wenn ich die fehlenden Fälle der Erfüllung des Berufswunsches die 0 also "Nein" zuordne, kommen die erwarteten Werte heraus. Bei der 64er Kohorte sind wieder diejenigen in der Mehrzahl, die ihren Berufswunsch nicht verwirklicht haben und ein (Fach)Abitur nachgeholt haben. Der Effekt ist dann aber nicht mehr signifikant. Update3 Die Missings bestehen vor allem aus denjenigen, die keinen Berufswunsch hatten, oder dies nicht mehr wussten. Daher wird es sinnvoll sein, diese dritte Kategorie zu bilden und zu schauen, wie die Verteilung dann aussieht.
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Montag, 25. Januar 2010Das Bremer Sprachblog zieht um
Das Bremer Sprachblog ist umgezogen und heißt jetzt schlicht Sprachlog. Der Untertitel "Alle Sprachgewalt geht vom Volke aus" trifft es ganz gut. Denn Sprache wird nicht von Sprachnörglern geformt, sondern von jedem Sprecher, der jeweiligen Sprache. So werden dort weiterhin die "Argumente" der Sprachnörgler auseinander genommen und unaufgeregt analysiert. Der erste Beitrag im neuen Heim bringt das Thema auf den Punkt.
Donnerstag, 21. Januar 2010Die Festlegung der Stichprobe
Wie ich bemerkt habe, muss man sich nicht nur Gedanken zur richtigen Definition der Untersuchungsgruppe machen, sondern auch zur entsprechenden Referenzgruppe. In meinem Fall sind dies Menschen, die ein Abendgymnasium oder ein Kolleg besucht haben. Die zweite Gruppe hat, auf welchem Weg auch immer, ein (Fach)Abitur nachgeholt. Die Referenzgruppe muss daher aus Menschen bestehen, die auf dem Ersten Bildungsweg kein Abitur gemacht haben und dieses nicht nachträglich noch erworben haben.
Erste Berechnungen ergaben für die Variablen des sozialen Hintergrunds keinen siginifikanten Effekt. Bei der Suche nach den möglichen Ursachen fiel auf, dass in der Gesamtstichprobe noch über 400 Menschen mit Abitur vorhanden waren. Ein kleiner Fehler aber mit großer Wirkung. Denn diese machten fast ein Viertel der Gesamtstichprobe aus und damit verzerrten sie das Ergebnis natürlich. Nach dem Löschen dieses Anteils ergaben sich auch siginifikante Ergebnisse. Noch kurz zur Frage, warum dürfen die nicht da drin sein? Da ich den Zweiten Bildungsweg untersuche, kommen für mich all diejenigen als Untersuchungsgruppe in Frage, die kein Abitur auf dem Ersten Bildungsweg gemacht haben und diesen dann auf dem Zweiten Bildungsweg, oder nach der weiteren Definition irgendwie, ein Abitur oder Fachabitur nachgeholt haben. Es geht um die Chance, bzw. die Einflussgrößen, die ein Besuch des ZBW begünstigen oder nicht. Menschen die schon das Abitur auf dem EBW gemacht haben, können aber den ZBW gar nicht besuchen. Selbst wenn sie wollten, wäre das recht sinnlos. Die Vergleichsgruppe muss also aus denjenigen bestehen, die noch eine Chance haben, bzw. hatten den ZBW zu besuchen, es aber nicht getan haben. Nur so findet man eventuell vorhandene Unterschiede, zwischen denen, die es gewagt haben und denen die es nicht gewagt haben.
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Freitag, 8. Januar 2010Berufswünsche
Weiter gehts mit meiner Serie über meine Forschung über den Zweiten Bildungsweg und diejenigen, die ihn besuchen.
Die Berufswünsche nach der Schule könnten einen Einfluss darauf haben, ob jemand im Falle der nicht Verwirklichung dieses Wunsches, noch einen dafür nötigen Schulabschluss nachholt oder nicht. Dazu habe ich eine Variable erstellt, die markiert, ob jemand für diesen Berufswunsch ein Abitur und/oder ein Studium benötigt oder nicht. Dazu gibt es noch eine Variable, die feststellt, ob jemand diesen Wunschberuf erreicht hat oder nicht. Dazu musste ich rund 4500 Fälle per Hand kodieren und im Zweifel bei der Agentur für Arbeit nachsehen, welche Qualifikation für die entsprechende Ausbildung nötig ist. Auf die Ergebnisse bin ich schon gespannt. Eine erste Häufigkeitsauswertung hat nur eine relativ geringe Anzahl an Berufswünschen gezeigt, für das ein Abitur oder Studium notwendig wäre. Wahrscheinlich spielt hier der Bildungsweg und die soziale Herkunft eine Rolle, die dafür sorgt, dass keine "unrealistischen" Berufswünsche aufkommen. Was dann noch zu prüfen wäre.
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Montag, 14. Dezember 2009Immer Ärger mit den Daten
Das Problem:
In einem Datensatz befindet sich keine Variable, die eine eindeutige Identifizierung der Besucher des Zweiten Bildungsweges (ZBW) zulässt. Allerdings lässt sich feststellen, ob jemand einen allgemeinen Schlabschluss nachgeholt hat und wann dies geschehen ist. Im anderen Datensatz existiert diese Variable. Eine Filterung nach Kolleg und Abendgymnasium ergab eine Fallzahl von 23. Die Filterung nach nachgeholtem Schulabschluss, (Fach)Abitur und Alter ergab eine Fallzahl von 50 und damit in etwa doppelt so viele Fälle wie nach der “harten” Filterung. Jetzt stellt sich die Frage, sind zum Einen mit der “harten” Filterung alle ZBW Besucher erfasst und wenn ja, dann müssten beim zweiten Datensatz mit der “weichen” Filterung die Hälfte der Fälle falsch zugeordnet sein. Allerdings ist erstm einmal nicht festzustellen welche Hälfte. Eine Falsche Zuordnung von 27 Fällen wäre bei einer Fallzahl von nur 73 natürlich ein erheblicher Messfehler und würde die Ergebnisse uninterpretierbar machen. Die Frage ist also, wie kann ich mit der selben Filtermethode in beiden Datensätzen zuverlässig die ZBW Fälle heraussuchen? Die Lösung 1: Um den ZBW besuchen zu können, bedarf es einiger Voraussetzungen. So muss zwischen letztem Schulabschluss am Ersten Bildungsweg und Besuch des ZBW eine berufliche Ausbildung oder Berufstätigkeit liegen. Erziehungszeiten können ebenso angerechnet werden. Da es sich ja um Lebensverlaufsdaten handelt, müsste man anhand der verschiedenen Spells* ablesen können, was in der fraglichen Zeit passiert ist. Es werden also Menschen gesucht, die höchstens einen Fachabitur gemacht haben, dann eine berufliche Ausbildung, oder Erwerbstätigkeit hinter sich gebracht haben, die mindestens 3 Jahre andauerte und danach das Fachabitur oder Abitur nachgeholt haben. Dazu müssen nun die verschiedenen Dateien, in denen die Informationen gespeichert sind zusammengesetzt und danach anhand der ID Nummer sortiert werden. Danach sucht man anhand der beschriebenen Parameter und markiert diese Fälle mit einer Dummyvariablen. Die ausgewählten Fälle muss man sich dann nich einmal “von Hand” raussuchen und auf Plausibilität überprüfen. Vorteil: Beide Datensätze sind gleich sortiert. Nachteil: Ich weiß immer noch nicht, ob alle ausgeählten Fälle wirklich den ZBW besucht haben. GLeichzeitig unterstelle ich, dass nicht alle Befragten bei der Frage nach der Ausbildungsstätte richtig geantwortet haben. Die Lösung 2: Um die Unsicherheiten der Lösung 1 zu vermeiden, bilde ich zwei Gruppen. Gruppe 1 besteht aus den nach Abendgymnasium und Kolleg gefilterten Gruppe von 23 Fällen. Gruppe 2 wird nach dem nachgeholten Schulabschluss (Fachabitur/Abitur) gefiltert. Somit ergeben sich für diese Gruppe alle Fälle, die auf irgendeine Art eine (Fach-)Hochschulzugangsberechtigung erworben haben. Damit weiche ich einerseits nicht von meiner Definition des ZBW ab und habe andererseits noch eine weitere Vergleichsgruppe. Andererseits gibt es damit nur eine recht kleine ZBW Gruppe. Ob das für die statistische Analyse noch ein Problem wird oder nicht muss ich dann zeigen. * Spells werden die einzelnen Abschnitte genannt, innerhalb derer, sich der Zustand nicht ändert. Ein Spell kann z.B. ein Schulbesuch oder eine Ausbildung sein. Endet dieser Schulbesuch, endet auch der Spell und ein neuer beginnt. Mittwoch, 2. Dezember 2009Forschung zur Arbeitssoziologie
An der Uni Bremen forscht Niels im Bereich Arbeitssoziologie zu den Auswirkungen globalisierter Arbeitswelten auf die Lebensumstände, Handlungsstrategien und Karrierewege von Personen, die beruflich oft kurzfristig ins Ausland reisen.
In seinem Blog zum Projekt beschreibt er sein Forschungsdesign und den weiteren Verlauf. Für seine Interviews sucht er noch Personen, die beruflich oft im Ausland unterwegs sind.
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Samstag, 26. September 2009Die Verständlichkeit von Parteiprogrammen
Kommunikationsforscher der Uni Hohenheim haben einen Verständlichkeitsindex entwickelt und damit die Programme der im Bundestag vertretenen Parteien analysiert.
Zur Methode schreibt Niels Ott in seinem Computerlinguistikblog Donnerstag, 17. September 2009Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt
Pierre Carles
Soziologie ist ein Kampfsport. Pierre Bourdieu im Porträt Wohl jedem geistes- und kuturwissenschaftlichen Studierenden begegnet irgendwann einmal der Name Pierre Bourdieu unter oder über einem Text. Er ist bekannt u. a. durch das Werk "Die feinen Unterschiede". Der französische Soziologe gehörte schon zu Lebzeiten zu den bedeutensten Soziologen des 20. Jahrhunderts, so dass wir nicht nur Texte von ihm, sondern auch das Glück haben, dass es ein Film über ihn gibt, der vor seinem Tod 2002 entstanden ist. Der Filmemacher Pierre Carles hat ihn für das französische Kino gedreht. Er ist jetzt dank des Suhrkamp-Verlag auf DVD in Deutschland erhältlich. Pierre Carles hat Pierre Bourdieu längere Zeit mit der Kamera begleitet. Der Film kommt ohne Kommentare bzw. Sprecher und Interviews des Filmemachers mit ihm aus, stattdessen reiht der Film einzelne Episoden aneinander. Sie zeigen Bourdieu in unterschiedlichen Situationen. Mit seinen Kollegen an der Universität; bei zufälligen Begegnungen auf der Straße; bei einem Interview mit einem Jugendradio; bei Podiumsdiskussionen; in Uni-Seminaren. Es entsteht das Bild eines durch und durch sympathischen Mannes. Ein Mann mit Humor, Beobachtungsgabe, Empathie, Wissen, Leidenschaft, Engagement und dem Willen, seine Anliegen den Menschen verständlich zu machen. Ein Bourdieu, der aufgeregt ist, weil er auf Englisch reden muss bei einem wissenschaftlichen Kongress und das ganze trocken mit dezenter Ironie kommentiert; dann einen, der engagiert mit Einwohnern eines benachteiligten Stadtteils diskutiert. Ein anderes mal bittet er Studierende, ihm die Fragen zu schicken, die sie sich nicht getraut haben zu stellen bei einem Besuch von ihm in ihrem Seminar. Dann ist er väterlich besorgt um den Arbeitsfortschritt eines Mitarbeiters. Der Sohn eines Bauern aus der Provinz bleibt auch am Ende seiner akademischen Laufbahn bescheiden und behält genug Distanz zu seinem Werk. Wenn ein Diskutant im Eifer des Gefechts sagt "Es ist nur Bourdieu, nicht Gott", verärgert ihn das nicht, sondern findet seine Zustimmung. Er will den Menschen Mut machen zu denken und ihr Anliegen in die eigene Hand zu nehmen. Es erscheint einem aufgrund des Films plausibel, dass Bourdieu bis zuletzt nie ganz in den Welt der Akademiker heimisch wurde und diese Welt und sein Wirken in ihr mit nötiger Distanz beobachten konnte. Natürlich bekommt man im Film auch mit, was er z. B. unter kulturellem Kapital versteht. Wer Geld hat, hat damit bestimmte Möglichkeiten. Wer bestimmte kulturelle Fähigkeiten, also kulturelles Kapital hat, hat dadurch auch bestimmte Möglichkeiten. Wer z. B. eine akademische Karriere machen möchte, muss reden können wie man es in akademischen Kreisen macht. Und wer konnte gerade dies besser beobachten als das Nicht-Akademiker Kind Bourdieu? Aber das Kern-Anliegen des Films ist: Die Facetten seines öffentlichen Auftretens zu zeigen. Und darin bekommt man in fast 3 Stunden einen guten Einblick. Der Suhrkamp Verlag hat den Film mit deutschem Untertitel auf DVD veröffentlicht. Ein hartes Stück Arbeit, ihm lesend und denkend zu folgen und gleichzeitig den Film zu sehen, aber es lohnt sich. Auf überflüssige Extras verzichtet der Verlag, legt aber ein inhaltlich ergänzendes 52-seitiges Heft bei. Die unverbindliche Preisempfehlung des Verlages liegt bei 19,90 Euro. Autor: Norbert Paul
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Dienstag, 15. September 2009Forschung: Theoretisches Modell vom Übergang zum Zweiten Bildungsweg
Basierend auf diesem Eintrag zu Werterwartungstheorie.
Zunächst eine kurze Definition zum Zweiten Bildungsweg (ZBW). Darunter verstehe ich den Besuch eines Abendgymnasiums oder eines Kollegs, mit dem Ziel das Abitur zu erreichen. Es ist also keine berufliche Weiterbildung, sondern nur das Nachholen eines allgemeinbildenden Schulabschlusses, in dem Fall das Abitur. Abbildung 1: Einflussfaktoren (Angelehnt an Becker 2000, 462 Abbildung 2) ![]() In Abbildung 1 ist das theoretische Modell dargestellt. Am Anfang steht die Klassenlage, deren Einfluss sich über den primären und sekundären Herkunftseffekt durch alle Stationen hindurch bemerkbar macht. Die Klassenlage wird durch den beruflichen Status und den Bildungsgrad der Eltern festgelegt. Der daraus resultierende Abschluss auf dem EBW hat Auswirkungen auf den möglichen Beruf. Die Zufriedenheit und Erwartungen an diesen Beruf beeinflusst die Neigung den Beruf zu wechseln. Für den Übergang zum ZBW spielen dann wieder die sekundären Herkunftseffekte eine Rolle. Je nachdem, wie der Nutzen der Bildung, die Erfolgswahrscheinlichkeit, die Kosten und der mögliche Statusgewinn (Schichtspezifisch) eingeschätzt werden, variiert die Übergangswahrscheinlichkeit auf den ZBW. Des Weiteren die Überlegungen im Detail. Für den Übergang in den ZBW ist eine andere Konstellation gegeben. Zunächst ist auf der Institutionellen Ebene kein direkter Einfluss durch eine Empfehlung wie in der Grundschule gegeben. Jedoch haben die Kandidaten ja den EBW durchlaufen, sind also davon geprägt. Die Erfahrungen im EBW spielen bei der Einschätzung der Erfolgserwartung eine Rolle. Im Gegensatz zum Übergang von der Primar- zur Sekundarstufe ist man auf dieser Grundlage viel besser in der Lage seine schulische Leistungsfähigkeit einzuschätzen. Ein zweiter Einfluss des Bildungssystems sind die Möglichkeiten, die für die Erreichung des Zieles, die Erlangung des Abiturs, angeboten werden. In diesem Fall entweder ein Abendgymnasium oder ein Kolleg. Beides hat unterschiedliche Folgen. Während man auf dem Abendgymnasium seinem Beruf noch weiter nachgehen kann, zwingt das Kolleg zur Aufgabe der Berufstätigkeit. Einerseits wird so auf dem Abendgymnasium das Risiko, bei einem Scheitern des Vorhabens sich erst wieder einen Arbeitsplatz suchen zu müssen, minimiert. Gleichzeitig ist aber die Belastung höher, was wiederum das Risiko des Scheiterns erhöht. Dies gilt natürlich auch bei einem erfolgreichen Abschluss des ZBW, falls entschieden wird, doch wieder in den alten Beruf zurück zu kehren. Es ist also anzunehmen, dass diejenigen, die eine höhere Erfolgserwartung haben, also Mitglieder der Mittelschichten (aufgrund der primären und sekundären Herkunftseffekte), oder generell Kandidaten mit besseren Noten auf dem EBW, häufiger an Kollegs zu finden sind, während die unteren Schichten eher zum Abendgymnasium neigen, da hier das Risiko, das mit einem Scheitern verbunden ist geringer ist. Auf individueller Ebene ist anzunehmen, dass ein erfolgter Statusverlust und ein niedrigerer erreichter Bildungsgrad im Vergleich zu den Eltern eine Rolle spielt. Der ZBW würde also dazu dienen, die Kosten, die der Abstieg im EBW verursachte, durch den Nutzen, den der nachgeholte Aufstieg bzw. Ausgleich auszugleichen. Daraus resultiert eine höhere Bildungsmotivation. Bei Personen, die auf dem EBW den Status ihrer Eltern erreicht, oder übertroffen haben, ist eine weniger ausgeprägte Bildungsmotivation anzunehmen, da hier subjektiv den Kosten kein so großer Nutzen zugeordnet wird. Statt dem erwarteten Statusverlust, wie beim EBW, spielt hier also der erwartet Statusgewinn bzw. Statusausgleich im Vergleich zu den Eltern eine Rolle. Die Voraussetzung für den ZBW, eine Berufsausbildung absolviert zu haben, führt zu einem weiteren Faktor, der Zufriedenheit mit dem Beruf. Der ZBW führt früher oder später zu einer Aufgabe des Berufes. Da dies mit sehr hohen Einkommensverlusten verbunden ist und eine längere Abwesenheit, wie es ein Studium bedingen würde, die Chancen einer problemlosen Rückkehr verringert, kann man davon ausgehen, dass diejenigen, die unzufrieden mit ihrem Beruf sind, sich eher für den ZBW entscheiden, als diejenigen, die damit zufrieden sind. Hier ist davon auszugehen, dass der Nutzen weit höher bewertet wird als die Kosten, die mit einem Berufswechsel über den ZBW verbunden sind. Die soziale Transmission sollte also theoretisch durch die genannten Einflussfaktoren weiterhin wirksam sein und einen Angleich der Schulabschlüsse an den Bildungsstatus der Eltern fördern, auch wenn diese, anders als beim Übergang im Ersten Bildungsweg, keinen direkten Einfluss mehr haben. Die Transmission erfolgt also, wenn sie noch wirkt, nicht mehr durch eine Entscheidung des Schulsystems und der Eltern, sondern indirekt über die primären und sekundären Herkunftseffekte, die auf die Entscheidung des Individuums wirken. Thesen: 1.Wer unzufrieden mit seiner Berufswahl ist, bzw. seinen Wunschberuf nicht erreicht hat, wird eher den Zweiten Bildungsweg wählen. 2.Wer auf dem Ersten Bildungsweg nicht das Bildungsniveau der Eltern erreicht hat wird eher den Zweiten Bildungsweg gehen, als jemand der dieses erreicht oder übertroffen hat. 3.Wer schon auf dem EBW gute Noten hatte, wird eher bereit sein das Abitur nachzuholen, da er seine Erfolgsaussichten besser bewertet, als wenn diese Leistungen schlecht waren. 4.Die primären und sekundären Herkunftseffekte müssten zu einer Überrepräsentation der Mittelschicht führen. 5.Die Sozialstruktur von Abendgymnasien und Kollegs müsste sich unterscheiden, wobei der Anteil der unteren Schichten beim Abendgymnasium höher ausfallen dürfte. • Becker, Rolf: Klassenlage und Bildungsentscheidungen – Eine empirische Anwendung der Wert-Erwartungstheorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Heft 3, 2000, S. 450-474. • Becker, Rolf: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. In: Becker Rolf [Hrsg.]: Lehrbuch der Bildungssoziologie, VS Verlag, Wiesbaden, 2009, S. 85 - 130. • Dahrendorf, Ralf: Die vier Bildungswege der modernen Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung des Zweiten Bildungsweges in den hochindustrialisierten Gesellschaften des Westens. In Dahrendorf, Ralf; Ortlieb, H-D.[Hrsg.]: Der Zweite Bildungsweg im sozialen und kulturellen Leben der Gegenwart. Quelle & Meyer, Heidelberg, 1959. S. 37 -68. • Esser, Hartmut: Soziologie: spezielle Grundlagen – Band 1: Situationslogik und Handeln. Campus Verlag, Frankfurt/Main; New York, 1999.
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Die Werterwartungstheorie zur Erklärung von Bildungsungleichheiten
Die Werterwartungstheorie auf Grundlage der Überlegungen von Esser und Boudon (Esser 1999; Boudon 1974). Soll die soziale Ungleichheit im Bildungssystem erklären.
Esser geht in seinem Grundmodell davon aus, dass die Eltern der Kinder zwei Entscheidungsmöglichkeiten haben. Entweder sie schicken ihre Kinder auf die Hauptschule, oder auf eine weiterführende Schule. Diese Entscheidung hat Folgen und zwar im Sinne von Kosten und Nutzen. Zu den Kosten zählt er einen eventuellen Statusverlust im Vergleich zu den Eltern, sowie in Entgangenem Einkommen bei früherem Eintritt in den Beruf. Der Nutzen, wäre der Zugang zu einem bestimmten Beruf (vgl. Esser, 266f). In einem weiteren Schritt geht er davon aus, dass die Kosten und der Wert der Bildung für alle Klassen gleich sind. Der Statusverlust und die damit verbunden Kosten betrifft aber nur die Mittel- und Oberschicht. Die Unterschicht benötigt demnach für einen Statuserhalt keine, bzw. weniger Bildung, während dies für die anderen Schichten nicht der Fall ist. Esser führt hier das Beispiel einer Arztpraxis an, die vom Kind nur durch ein Medizinstudium übernommen werden kann. Gleichzeitig ist die Wahrscheinlichkeit eines Bildungserfolges für die höheren Schichten besser, da sie sich im System besser auskennen und Schwierigkeiten besser ausgleichen können (vgl. Esser, 268f). Der langfristige Einfluss der Schichtzugehörigkeit über bessere Förderung in den höheren Schichten, die einen Einfluss auf die schulischen Leistungen und Lernmotivationen der Kinder haben, bezeichnet Boudon als primären Herkunftseffekt (vgl. Becker 2009, 106). Daraus folgt, dass die unteren Schichten eine geringere Bildungsmotivation haben. Für die unteren Schichten besteht der Ertrag der Bildung nur aus dem Ertrag der Bildung selbst, während für die höheren Schichten zudem den Ertrag des Statuserhaltes haben, da ein Verzicht auf Bildung hier einen sicheren Statusverlust bedeuten würde. Zudem ist das Risiko des Scheiterns, also das Investitionsrisiko, bei den unteren Schichten höher (Esser, 269ff). Diese Schichtunterschiede in der Bewertung der Chancen und Risiken, bzw. Kosten und Nutzen, einer Bildungsentscheidung wird von Boudon als sekundärer Herkunftseffekt bezeichnet (vgl. Becker 2009, 107). Becker führt als Ergänzung zu diesem Modell noch den Einfluss des Bildungssystems selbst ein. Er berücksichtigt dabei das Bildungsangebot und die damit möglichen Schullaufbahnen, sowie die Leistung des Schülers. Letzteres ist in der Zeit veränderlich und ist daher mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Die Bildungsentscheidung wird hier als eine Entscheidung angesehen, die unter Unsicherheit getroffen werden muss. Die Folgen der Handlungen sind nicht sofort sichtbar, sondern ergeben sich erst im Laufe der Zeit. So können beispielsweise schlechte Noten erst in höheren Klassen der Sekundarstufe auftreten (vgl. Becker 2000, 256f). Literatur: • Becker, Rolf: Klassenlage und Bildungsentscheidungen – Eine empirische Anwendung der Wert-Erwartungstheorie. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Jg. 52, Heft 3, 2000, S. 450-474. • Becker, Rolf: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. In: Becker Rolf [Hrsg.]: Lehrbuch der Bildungssoziologie, VS Verlag, Wiesbaden, 2009, S. 85 - 130. • Esser, Hartmut: Soziologie: spezielle Grundlagen – Band 1: Situationslogik und Handeln. Campus Verlag, Frankfurt/Main; New York, 1999. Donnerstag, 16. Juli 2009Die Zukunft der Soziologie
Eine Essay-Reihe dazu gibts bei homosociologicus. Ich hab mal ein wenig mitdiskutiert und dabei ist mir dann eine Idee gekommen. Es ist weniger eine Frage nach der Zukunft der Gesellschaft und den Platz den die Soziologie in einem möglichen Szenario einnehmen könnte, sondern eher eine Frage die auch aktuell schon relevant ist. Aus Berichten mit Erfahrungen in der Politik drängt sich mir der Eindruck auf, dass Politiker Ergebnisse die sie erwartet haben super finden und Ergebnisse die sie nicht erwartet haben und nicht in ihr Konzept passen eher in der Schublade verschwinden lassen. Solche Aktionen sind ja auch schon des öfteren durch die Presse gegangen.
Die Frage wäre also. Wie könnte man von Seiten der Soziologie die Forschungsergebnisse besser publizieren und verbreiten. So manches, durchs kollektive Bewusstsein geisterndes "Faktum", ist sicher schon mal widerlegt worden. Dabei sehe ich natürlich noch einige Hindernisse. 1. Selbst bei der selben Datengrundlage kommen so manche Forscher zu unterschiedlichen Ergebnissen. 2. Die Soziologie ist naturgemäß sehr zersplittert. 3. Wer entscheidet also was publiziert wird und was nicht? 4. Es müssten mehr Gelder für "populäre" Forschung ausgegeben werden. 5. Punkt 4 könnte zu einer Vernachlässigung der Grundlagenforschung gehen. Man müsste also praktisch eine Art zentrales Institut gründen, das gezielt soziologische Forschungsergebnisse kommuniziert über die Massenmedien. Könnte das funktionieren? Was meint ihr? Mittwoch, 24. Juni 2009Wissenschaftliche Auswertung des "Studenten-Pisa-Tests"
Der Spiegel will nun seine Daten, die in dem Wissens-Test gewonnen wurden, wissenschaftlich auswerten lassen und die Ergebnisse in einem Sammelband veröffentlichen. Die Ausschreibung kann man sich hier ansehen.
Inwieweit die Daten aber auch tauglich für eine wissenschaftliche Auswertung sind bleibt offen. Zwar wurden die Fragen wohl einem wissenschaftlichen Pretest unterzogen, doch nützt dies nichts, wenn die Daten insgesamt nicht repräsentativ sind. Rund 600.000 Fälle sind zwar eine stolze Zahl, doch für die gesamte Studentenschaft in Deutschland repräsentativ würde ich die Daten nicht bezeichnen. Es haben auch nicht nur Studenten mitgemacht. Ohne näheres zu wissen, würde ich mal sagen, dass die Grundgesamtheit wohl eher aus Spiegel-Online Leser, sowie Mitgliedern von StudiVZ besteht. Zudem bestand bei den Fragen eine Möglichkeit zu schummeln. Zwar hatte man nur eine gewisse Zeit im eine Frage zu beantworten, wer aber schnell auf den einschlägigen Seiten oder Google suchte, konnte durchaus bei der ein oder anderen Frage, sein Wissensdefizit ausgleichen. Von daher zweifle ich auch die Verlässlichkeit der Daten an. Vielleicht weiss ja noch jemand der werten Leser mehr. Aber aus dem was in den Artikeln dazu stand, bzw. vor allem, was dort nicht stand, sehe ich keine Basis für eine wirkliche wissenschaftliche Auswertung. Samstag, 18. April 2009Soziologie ist ein Kampfsport
Dieser Spruch von Pierre Bourdieu ist der Titel einer DVD, die den bekannten Soziologen portraitiert. Der Film lief schon vor längerer Zeit in französischen Kinos und ist jetzt in Deutschland als DVD erschienen.
Gefunden bei Telepolis
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